Zum Inhaltsverzeichnis 

 
Exkurs Nikolaus in Fontevraud

 

MAltN-Logo / Klicken: ANK in natura

 
www.abbaye-fontevraud.com

Zur Adresse:
Nach der jammervollen Flash-Show, nach Jahren des Schweigens und der Neugestaltung entstand eine informative, eine dem Gegenstand durchaus angemessene Seite. Bezüglich der Wiedergabe der Panorama-Videos ("Visites virtuelles") ist anzumerken, daß hierbei vielen PC-Ausrüstungen wahrscheinlich NICHT die Grenze ihrer Möglichkeiten aufgezeigt werden. Das ist überlegt gemacht. Positiv! Prüfen wir also die Sachlage in acht Jahren wieder (eingesehen: 10.5.2009).
Informative Fotos findet man auch auf etlichen Websites: Ein guter Ausgangspunkt zum Surfen dürfte die Seite von fr.wikipedia.org sein.


       Frankreich hat Weiten - jeder deutsche Autotourist sieht sie, kennt sie. Was man aber auch sieht, ist, daß es auf dem Land, und dies freut einen, ganz offensichtlich noch heute keine dichte Besiedelung, geschweige denn Zersiedelung gibt. Wie einsam mag es da im Mittelalter gewesen sein? Man ahnt es. Wer also damals Zurückgezogenheit suchte, war in diesem riesigen Landstreifen zwischen Atlantik, Alpen und Vogesen ohne Zweifel gut aufgehoben. Eine ideale Situation für Klöster und derer gab es schon früh sehr viele. Eine der frühen Gründungen der Benediktiner, also des ersten großen Ordens überhaupt, war die Abtei Fleury-sur-Loire, später nach dem Ordensstifter zu Saint-Benoît-sur-Loire umbenannt. Dort in St. Benoît fanden um 672 auch die aus Montecassino (Italien) überführten (mutmaßlichen) Gebeine des Hl. Benedikts ihre letzte Grabstätte. Daß damit in Frankreich eine starke benediktinische Tradition entstand, wundert niemand.

       Wesentlich später als Fleury wurde Fontevraud (Fontevrault) l'Abbaye gegründet. Heutige Bezeichnung: L'Abbaye Royale de Fontevraud. Der Prediger und Einsiedler Robert d'Arbrissel war es, der 1101 (nicht, wie gelegentlich zu lesen, 1099 oder 1110) südöstlich von Saumur (Loire) im Tal von Fontevrault (Département Maine-et-Loire) für die Gründung einer Benediktiner/Benediktinerinnen-Abtei Grundbesitz erhielt. Eine Abtei hatte gegenüber einem einfachen Kloster besondere Rechte, sie konnte z.B. Filialen (Tochterklöster) gründen. So auch hier. Die Kongregation von Fontevraud bestand zum Zeitpunkt der französischen Revolution, während der sie im Rahmen der Einziehung der Kirchengüter und Säkularisierung 1790 aufgehoben wurde, aus 59 Klöstern, die alle sogenannte Doppelklöster waren, d.h. jede Anlage beherbergte Benediktiner und Benediktinerinnen.1

       1117 war in Fontevrault der Chor erstellt und 1119 weihte Pabst Calixtus II. die bis dahin stehenden Teile ein. Von der stufigen Chorstruktur her zu urteilen, sollte ursprünglich wohl eine dreischiffige Basilika erbaut werden. Dazu kam es nicht, man erstellte stattdessen den riesigen, heute noch existierenden romanischen Langhaussaal mit seinen vier hintereinander gereihten Kuppeln. Bauzeit: 1104 bis gegen 1150. Um den Kirchenbau und die Kerngebäude herum entwickelte sich dann nach und nach ein Klosteranwesen mit einer sehr legendären Abteigeschichte. Manches davon ist heute noch ohne wagemutige Phantasie optisch nachzuvollziehen, denn Fontevraud gehört zu den größten erhalten gebliebenen Klosteranlagen Frankreichs und ist natürlich eine der Sehenswürdigkeiten der altfranzösischen Grafschaft Anjou.

       Als nach den ersten Anfängen das Ansehen des Klosters stieg, kam die Leitung der Abtei unter die Ägide einer Äbtissin und bald schickten die einflußreichsten Familien ihre (oft unverheiratbaren, "überzähligen") Töchter dorthin in die Klause. Geschützt wurde das Doppelkloster samt seinen Schwestern, Mönchen und Äbtissinnen bis Ende des 16. Jahrhunderts durch das überaus mächtige englische Königsgeschlecht des Hauses Plantagenet. Wenn man bedenkt, welch eine sakrale Ausnahmerolle in den damaligen Zeiten dem Priester beigemessen wurde, ist die Unterordung der Mönche unter eine Äbtissin gewiß mehr als erstaunlich zu nennen. Doch es gab sie, diese Sozial- und Sakralordnung, für die der seltsam anmutende Begriff "Doppelkloster" steht - und man ahnt die ungeheure wirtschaftliche Macht, die in und hinter den Äbtissinnen gesteckt haben muß.
 

 

 
- 2 - 

 

Hl. Nikolaus in Fontevraud / Klicken: Alte Nikolaikirche, Römerseite, 1985
Foto: © Otto Singer  (5.10.2001)

Der Hl. Nikolaus erweckt drei eingepökelte Schüler zum Leben
Eine Legendendarstellung im Bendiktinerinnen-Kloster Fontevraud
(nicht ohne Scham - oder Verwitterung vielleicht?)

       In Fontevraud - der Grablege der Plantagenets im 12. und 13. Jahrhundert - starb 1204 die der Kunst, der Poesie und des Lebens zugewandte, vielgerühmte Königin der Troubadoure, Eleonore von Aquitanien; ihre, wie gesagt wird, glänzende Hofhaltung in Poitiers hatte sich zu einem Zentrum höfischer Kultur entwickelt. Sie besaß auch großen politischen Einfluß. In zweiter Ehe war sie mit dem englischen König Heinrich II. (+ 1189) verheiratet gewesen. Ihre erste Ehe mit dem König von Frankreich (Ludwig VII.) war, von einigem Aufsehen begleitet, auf dem nationalen Konzil von Beaugency geschieden worden. Man setzte Eleonore in der großen Kirche neben ihrem Gatten Heinrich bei, und wie es sich für eine nachfolgende Generation eben so zu ziemen schien, bestattete man zu ihren Füßen ihren Sohn König Richard Löwenherz (ja, der einst unter Kaiser Heinrich VI. auf Burg Trifels eingekerkete und später gegen ein hohes Lösegeld wieder auf freien Fuß gesetzte), neben ihn seine Schwester Jeanne von England, zu Jeannes Füßen wiederum deren Sohn Raymond und schließlich noch Richards Schwägerin Isabelle von Angoulême, die Witwe von König Johann I. ohne Land. Alle sechs gehörten zum Haus Plantagenet. Die Grabstellen sind nicht mehr bekannt, überliefert sind nur noch die lebensgroßen, figürlich gearbeiteten Grababdeckungen von Heinrich II., Eleonore, Richard Löwenherz und Isabelle. In der für Zweck und Gegend unglaublich überdimensionierten romanischen Abteikirche - die vollkommen weiß ist (eigentlich weiß sein sollte, siehe unten) - nehmen sich diese (immer noch?) bunten Liegefiguren wie Überbleibsel einer verwunschenen mittelalterlichen Burg aus; sie gehören mit Sicherheit zu den am meisten bestaunten Ausstellungsstücken der monumentalen Klosteranlage, deren Dächer einst über 60000 m2 überspannten. Verläßt man den ebenfalls überdimensionierten Chor rechts, kommt man zum Klosterinnern und zu einem teilweise sehr kunstvollen, aus dem 16. Jahrhundert stammenden Kreuzgang, wo auch das obige Nikolausrelief 2 neben zahlreichen anderen Sakralreliefs in einer Fensternische zu sehen ist. Daß sich in Fontevraud eine Nikolauswiedergabe befindet, ist nicht überraschend, denn gerade die Benediktiner haben eine sehr lange Nikolaustradition. Sie betrachteten den Heiligen schon in Montecassino sehr früh als einen ihrer monastischen Vorbilder und als im Jahr 1087 die geraubten Gebeine des Nikolaus (oder was dafür gehalten wurde) nach Bari (Italien, Apulien) kamen, war es ihr Orden, der in der neu erbauten Basilika San Nicola das sakrale Gut in seine Obhut nahm.
 

 

 
- 3 - 

       Ein Gedanke noch zur Überdimensionierung von Chor und Kirchenschiff. Es ist möglich, daß nicht nur Repräsentation der Grund dafür gewesen sein mag, sondern daß auch musikalische Vorstellungen eine Rolle gespielt haben könnten. Gregorianik dürfte hier besonders gelungen klingen. Jedenfalls fiel mir, als ich dort im Chor im Oktober 2001 mit dem Chor von St. Martin Kelkheim-Hornau von Palestrina ein Agnus Dei und von Rossini die getragene Motette "O salutaris hostia" sang, neben dem obligatorisch langen Hall eine eigenartige, sanft federnde Klanggebung auf, deren Grund ich mit den weichen, porigen Tuffsteinmauern (siehe unten) in Verbindung bringe. Die Kirche dient denn offenbar auch als Konzert- und Aufnahmeraum; etliche zum Kauf angebotene CDs deuten in diese Richtung. Liturgisch wird die Kirche wohl nicht mehr verwendet, irgendein sakrales Interieur sah ich nicht, ein ewiges Licht auch nicht. Man steht dort verloren inmitten einer weiträumigen Mauernhülle.

       Architektonisch besonders auffallend ist der Küchenbau des Klosters mit seinen spitzkegelförmigen Ziegeldächern (Rauchabzügen). Er stammt aus dem 12. Jahrhundert, ist 27 m hoch, mißt 11 m im Durchmesser und hat fünf Apsiden. Wer einmal in diesem Zentralbau stand, kann sich nicht erwehren, ihn eine Kuriosität zu nennen. Man geht wohl nicht fehl, ihm im Doppelkloster neben seiner Ernähungsfunktion eine entlastende Sozialfunktion beizumessen. Es möge sich hier jeder seine Gedanken machen.

Von 1804 bis 1965 war die Klosteranlage ein Gefängnis. Kaiser Napoleon Bonaparte war es, der die Anlage zu dieser Rolle verdammte. Seit 1975 entwickelte sich Fontefraud l'Abbaye zu einem kulturellen Zentrum. Erbaut ist der gesamte Gebäudekomplex aus dem weißen und weichen Tuffstein, der im Loiretal überall zu sehen ist und der an der Luft, inbesondere bei den heutigen Umweltbedingungen, sehr schnell verschwärzt und dann bald zu faulen beginnt. Deshalb wird man das Kloster wohl nur selten ohne irgendwelche Renovierungs- oder Restaurierungseinrüstungen erleben. Wenn also oben in der Bildunterschrift die Möglichkeit der Verwitterung angesprochen wurde, so sollte dazu angemerkt werden, daß man bei der Betrachtung heutiger Zustände bedenken muß, daß diese durch Wiederherstellungsmaßnahmen sehr stark beeinflußt sein können. Übrigens scheint der Grünanteil, den die Fotowiedergabe zweifellos hat und der wohl durch eine feine, kaum wahrnehmbare Vermoosung und Veralgung des Tuffsteins zustande kommt, von manchen Bildschirmen und Browsern sehr stark betont zu werden. Eigentlich müßte die Farbgebung so sein: weiß, stellenweise hellbeige, vielleicht etwas beige (möglichst keine Grünanteile).


1
Zum Begriff "Doppelkloster" findet sich in dem von Georg Schwaiger herausgegebenen Lexikon (siehe Literatur) das folgende:
  "Das Doppelkloster umfaßt eine Gemeinschaft von Mönchen und eine von Nonnen, die nach Geschlechtern streng getrennt am selben Ort leben und dieselbe Regel befolgen. Die Einrichtung entstand im 4. Jh., zunächst in der Ostkirche, aus seelsorgerlichen Motiven und aus sozialer Überlegung gegenseitiger Arbeitshilfe und zum besseren Schutz der Nonnengemeinschaft in Kriegszeiten. Wegen der damit verbundenen Gefahren und Mißstände ergingen wiederholt Verbote, so durch Kaiser Justinian I. (529) und das II. Konzil von Nizäa (787). In der Ostkirche verschwanden die Doppelklöster im Mittelalter.
  Seit dem frühen Mittelalter begegnen Doppelköster auch im Westen, wobei es sich in den meisten Fällen um ein Frauenkloster handelt, dem eine Äbtissin vorstand; die zugeordnete Gruppe von Mönchen verminderte sich rasch, um Weltpriestern und Kanonikern - zur geistlichen Betreuung der Frauen - Platz zu machen. Hier kann nur bedingt von Doppelklöstern nach Art ostkirchlicher Einrichtungen gesprochen werden. Ein gewisser Neubeginn ist im 12. Jh. festzustellen [...] Auch in strengen "Doppelorden" des 12. Jh.s (Fontevrault in Frankreich mit starker Dominanz der Äbtissin über die zugeordneten Mönche [...]) erwies sich die Durchführung als schwierig. [...]
  Der Begriff Doppelkloster soll nur mit größter Vorsicht gebraucht werden; denn in aller Regel entwickelten sich solche Gemeinschaften [...] rasch zu einfachen Klöstern."
  In den Literaturangaben zu diesem Artikel wird im Rahmen von Studien zur Geschichte des Benediktiner-Ordens eine Arbeit mit dem Titel "Das Doppelkloster - eine verschwiegene Institution" genannt.
2
Es gibt viele Nikolaus-Legenden. Sie entstanden nach und nach. Das Motiv von der Erweckung der drei ermordeten bzw. eingepökelten Schüler ("Scholare" werden sie in der Überlieferung oft genannt) taucht offensichtlich zum ersten Mal in Nordfrankreich auf und zwar in der Normandie. Mit Sicherheit im 12. Jahrhundert, eine Quelle scheint aber schon ins ausgehende 11. Jahrhundert zu weisen (siehe unten).

  Sigrid Metken schreibt dazu (siehe unten Literatur, S. 33):
  "Drei junge Kleriker, wird da [in der als Ganzes gesehenen Legendenüberlieferung, DP] erzählt, kamen eines Abends auf ihrer Wanderschaft an die Tür eines Fleischers, den sie um Obdach baten. Sie wurden freundlich aufgenommen und bewirtet, aber um Mitternacht erschlug sie der Metzger. Später [gemeint ist: Späteren Überlieferungsvarianten gemäß, ab dem 13 Jh. in etwa, DP] pökelte er sie in Salzfässer ein. Jahre danach nahm Sankt Nikolaus den gleichen Weg. Auch er bat den Metzger um Herberge und Abendbrot. Als ihm von dem Salzfleisch geboten wurde, sah er sogleich, was er vor sich hatte. Er segnete die Fässer, die Knaben erwachten, als hätten sie nur geträumt, und der betreffende Fleischer bekehrte sich mit seiner Frau.
  Diese neue Mirakelerzählung wurde rasch polulär und so beliebt, daß das Pökelfaß mit den drei Knaben in Frankreich zum [allgemeinen, DP] Attribut des Myrensers [Nikolaus von Myra] wurde. Das [vielleicht, DP] älteste Zeugnis für dieses Motiv stellt eine französische Buchmalerei des 11. [?, DP] Jahrhunderts dar. [Fußnote:] Vie et Miracles de Saint Nicolas; ganzseitige Miniatur, die Schüler sind mit phrygischen Mützen dargestellt. Bibliothèque Nationale, Paris."
  Von der Fahrenden- und Scholaren-Legende gibt es zahlreiche Spielarten, Umwandlungen und dergleichen. Nicht zu vergessen: Damals war das Pilgern "ins weite Jenseits" noch nicht aus der Mode. Auch wurden aus den "clerici" (auf bildlichen Darstellungen oft mit Tonsuren versehen) sehr bald einfache Knaben des Volkes, später fahrende Schüler. Die märchenhafte Geschichte ist in Handschriften, bildlichen Wiedergaben (Reliefs, Skulpturen usw.), Gedichten und Nikolaus-Viten überliefert. Aber natürlich gab das Einpökelungs- und Erweckungsdrama auch bestens Stoff ab für die im Mittelalter so beliebten Mirakelspiele. Derlei Bearbeitungen beginnen schon im 12. Jahrhundert. Eines dieser Spiele ist in einer berühmten Handschrift aus, wen wunderts, Fleury-sur-Loire, dem heutigen Saint-Benoît-sur-Loire, überliefert (zu Fleury-sur-Loire siehe oben).
  Auf die Ursprünge, Hintergründe und Geschichte der Legende kann hier nicht eingegangen werden. Auch mögen diese kurzen Hinweise auf den Nikolaus genügen. Der Nikolaus-Stoff und die Literatur darüber sind für eine nur angetippte, marginale Mitteilung zu umfangreich und komplex.

Literatur:

Dom Berland: Saint-Benoît-sur-Loire
     Paris, o. J., Broschüre (Art et Tourisme, deutsche Ausgabe), 30 [32] S., Fotos: J. P. Moreau

Brockhaus Enzyklopädie, 19. Auflage, 7. Band, Mannheim 1988 (Stichwort: Fontevrault)
Fernis, Hans-Georg / Heinrich Haverkamp (Fernis/Haverkamp): Grundzüge der Geschichte von der Urzeit      bis zur Gegenwart, 8. Auflage
     Frankfurt/Main etc. 1961 (Diesterweg), XX, 363 [364] S., Abbildungen

Metken, Sigrid: Sankt Nikolaus in Kunst und Volksbrauch
     Duisburg 1966 (Lange), 84 S., zahlreiche Abbildungen

Schwaiger, Georg (Hg.): Mönchtum, Orden, Klöster - Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Ein Lexikon
     München 1963, 2., durchgesehene Auflage 1994 (Beck), 482 [483] S.; Zitat auf  S. 177/78, Stichwort:
     Doppelkloster

Toman, Rolf (Hg.), Achim Bednorz (Fotos): Die Kunst der Romanik - Architektur, Skulptur, Malerei
     Köln, 1996 (Könemann), 481 S., Großformat, S. 127, 129, 156, 157

Unbekannt: Saint-Benoît-sur Loire/Kloster Fleury, Info-Blatt (deutsche Ausgabe), 2 Seiten

(DP, Online: 18.10.2001, Stand: 10.5.2009)

 
Zum Inhaltsverzeichnis  Nach oben

Textur (= Hintergrund): Unbekannt